Warum das Stressempfinden von Mensch zu Mensch verschieden ist

Stress ist schon seit vielen Jahren ein Massenphänomen geworden und nach wie vor ist die Tendenz steigend. Selten unterscheiden wir noch zwischen dem Eu- und dem Distress, ersterer ist der „gute“ Stress - das was wir als Herausforderung empfinden, und uns bei Bewältigung stärkt in Selbstwert - und letzterer ist der negative Stress, der uns belastende. Darum geht es fast immer, wenn das Wort „Stress“ benutzt wird, so auch hier in diesem Artikel.  Darüberhinaus gab es in der Vergangenheit auch hin und wieder den Hauch eines „Statussymboles“ ab. So hetzten viele Menschen durch die Gegend und ließen anderen ihre Stressgeschichten angedeihen, beim Einkaufen, beim Spazieren gehen, etc. Ungefragt und ungeniert wurden Menschen mit dem Tatbestand des  Stresses verbal als auch emotional infiziert. Oft steckte das Bedürfnis dahinter,  die eigene Wichtigkeit in den Vordergrund zu stellen.   Diese, ich nenne es gerne  missbräuchliche Nutzung des Wortes verschwindet immer mehr und deshalb möchte ich im Folgenden nur etwas über den „wirklichen“ Stress schreiben, jenen Stress, der in uns wirkt, uns nicht schlafen oder gar klar denken lässt, uns an die eigenen Belastungsgrenzen bringt.  Dabei möchte ich kurz und knapp nur die Frage  thematisieren, warum Menschen bei ein und demselben Problem ein unterschiedliches Stressempfinden haben. Die erste Annäherung der Beantwortung erfolgt über die Stressdefinition. 

Ein Annäherung der Beantwortung über die Stressdefinition

Das Wort „Stress“ stammt ursprünglich aus der Mechanik und bedeutet nichts anderes als Einwirkung einer äußeren Kraft auf eine Struktur. Ab einer gewissen Druckintensität kommt es dann zur Verformung. Im heutigen psychologisch-medizinischen Sinne wurde der Begriff aber vor allem von Hans Selye geprägt. Er definierte Stress so: 

 

Stress ist 

eine durch spezifische äußere Reize (Stressoren) hervorgerufene psychische und physiologische Reaktion, die zur Bewältigung besonderer Anforderungen befähigen 

und 

eine dadurch entstehende körperliche und geistige Belastung.

 

Im Laufe der letzten Jahre gab es mehrere Ansätze Stress allumfassender zu definieren. So entstanden unter anderem die verschiedenen transaktionalen Theorien, die allesamt das komplexe Zusammenspiel von persönlichen Faktoren und Umweltbedingungen für die Entstehung von Stress als verantwortlich betrachten.  Diese Theorien werden in der heutigen Stressforschung als Basis hergenommen. Die inhaltliche Aussage ist dabei folgende: 

 

Eine Situation wird erst dann als bedrohlich bzw. Stress auslösend bewertet,

wenn der Mensch seine eigenen Ressourcen,

diese Situation erfolgreich zu bewältigen,

als nicht ausreichend einschätzt.

Somit geht es hier um die

subjektive Einschätzung

der Person bezüglich

ihrer Ressourcen,

ihrer Gedanken und

Gefühle. 

 

 

Und nun wird schon deutlich, warum eine Situation für den einen Menschen bedrohlich, für den anderen dagegen ein Herausforderung ist, einen anderen wiederum lässt das kalt. Es geht um die innere Einschätzung „Schaffe ich das - oder nicht? Verfüge ich über die Ressourcen, die ich hierzu benötige?“ Wenn nein folgt z. B. die weitere Frage: „Kann ich mir die Ressourcen von außen besorgen?“ Typische Ressourcen sind hier: Wissen, Kenntnisse, Fähigkeiten, Zeit, finanzielle Mittel, emotionale Stabilität, Erfahrung mit Konfliktlösung, rhetorische Kenntnisse  etc. Das alles ist von Person zu Person sehr unterschiedlich. 

 

Sie können also hier schon sehen, dass Stress nicht als Input oder Output gesehen wird, sondern es liegt eine Transaktion zwischen Situation und Person zugrunde. Es besteht eine Verbindung zwischen einer sich verändernden Situation und einer fühlenden, denkenden und handelnden Person. Diese Anschauung beschreibt sehr gut die Realität und macht uns sehr deutlich, dass wir es einfach sein lassen dürfen, über andere meinen urteilen zu können, wenn sie oder er eine Stresssituation anders einschätzt bzw. belastet oder nicht. 

 

Ich möchte hier zur Verdeutlichung als Anregung zum Weiterdenken einige griffige Beispiele geben:

  • Die Auswirkungen eines Strafzettels als Stressor sind höchst wahrscheinlich bei einen Mindestlohnempfänger nicht nicht die gleichen wie bei einem Manager.
  • Der Leiter, der für ein großes Projekt zuständig und umsatzbeteiligt ist, wird bei der nichtfristgerechten Fertigstellung ein anderes Empfinden haben, als ein Ingenieur, der weiß, er hat seine Arbeitsleistung fristgerecht abgeliefert und  die „Schuld“ beim Zulieferer zu suchen wäre, der wiederum - seiner Meinung nach - von Anfang an suspekt einzuschätzen gewesen ist. Aber der Leiter - trotz der Ressentiments seiner Gruppe - lieber den billigeren genommen hat.
  • Ein Schüler, der vor der Klasse abgekanzelt wird und zu Hause ebenfalls nicht viel Zuspruch bekommt, wird diese Situation anders verarbeiten als ein Schüler, der ein hohes Selbstwertgefühl von Haus aus besitzt und von Eltern, Geschwistern und sozialem Umfeld den Rücken gestärkt bekommt. 

Exemplarisch die wichtigsten Arbeitsstressoren

Um zu sehen, wie komplex die Stressthematik sich gestaltet, will man ein Urteil fällen, über die Mitmenschen, so möchte ich hier lediglich die wichtigsten Stressoren auf der Arbeit aufzählen und zu Bedenken geben, dass diese wieder auf jede einzelne Person unterschiedlich wirken.

 

Dabei geht es um Folgende:

  • Übermäßige Kontrolle
  • Überforderung 
  • Mangelnde Unterstützung
  • Starker Verantwortungsdruck
  • Unklare Aufgabenverteilung
  • Arbeitsplatzunsicherheit/Konkurrenzdruck
  • Soziale Konflikte am Arbeitsplatz
  • Mangelnde Anerkennung

Non-produktiver oder produktiver Stress?

Vom Stressverhalten zum Stressvergnügen? Möglich oder utopisch?

Aufgrund der obigen Ausführungen haben Sie gesehen, dass das Verhalten der Menschen in Stresssituationen dynamisch und situativ ist. Denn es kommt darauf an, wie der Betroffene die Situation subjektiv einschätzt: Belastend oder herausfordernd?

 

Es hängt also von den individuellen Ressourcen, Stärken und Bestrebungen sowie von den gesellschaftlichen Bedingungen ab. Wir alle streben doch grundsätzlich danach, das was uns wichtig ist, auch zu erhalten. Wir möchten Verluste so wie auch Ängste vermeiden und streben als stärkeres Motiv sicherlich den Gewinn an, das Positive, was auch immer sich dahinter verbirgt, denn es ist sehr häufig nicht der materielle Gewinn. 

 

„Non-produktiver Stress“ tritt dann auf, wenn wir das Gefühl haben, das uns zur Verfügung stehende wird bedroht, kann verloren gehen oder wird fehlinvestiert. Dabei kann sich die Einschätzung der Bedrohung situativ ändern, je nach den jeweils vorhandenen emotionalen und motivationalen Personenspezifika wie Bedürfnisse, Erwartungen, Überzeugungen und Gewohnheiten. Das heißt nun, non-produktives Stressverhalten entsteht durch eine ungünstige Wahrnehmung und Bewertung des eigenen Umfeldes auf Basis der zugrunde liegenden Wünsche, Bedürfnisse und Ängste. Was passiert dann? Das bringt den Menschen in ein Abhängigkeitsgefühl, führt zur Hemmung bzw. Lähmung der eigenen Potenziale und Ressourcen. Er fühlt sich nicht frei, sondern unter Druck gesetzt und gehetzt. 

Produktives Stressverhalten dagegen - das aus dem Wissen heraus entsteht, dass wir über die Ressourcen verfügen und wenn nicht können wir auf Hilfe von außen zurück greifen - erzeugt Denkmuster und Emotionen, die uns Energie geben und herausfordernd wirken. In diesem Falle können Menschen selbstverantwortlich entscheiden, was und inwiefern sie das eigene Umfeld beeinflussen können. Das stärkt visa vera wiederum unser Selbstwertgefühl. Und somit ist unsere Ressource, dass wir uns noch stärker auf uns verlassen können, wieder ein Stück gewachsten.


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Fazit zu Stress in kurzen Sätzen

  • Menschen reagieren auf die gleichen Reize unterschiedlich, weil diese subjektiv von den jeweiligen Menschen eingeschätzt werden.

  • Die jeweilige Person bewertet die Situation, sie schätzt die eigenen Handlungsmöglichkeiten ein und beantwortet für sich die Frage: Kann ich die betreffende Situation mit meinen verfügbaren Ressourcen bewältigen oder übersteigt die Situation meine eigenen Kräfte und Fähigkeiten?

  • Wenn wir die Kontrolle über die Situation haben, dann empfinden wir uns als handlungsfähig, selbst wenn wir erkennen, dass die Situation mehr von uns verlangt, als wir geben können und wir handeln, in dem wir uns aktiv Hilfe holen. Dieses aktive Tun weist auf Selbststeuerung hin. Diese Selbststeuerng können wir nur dann leisten, wenn wir ganz bei uns sind, d. h. wenn wir unsere Ressourcen klar einschätzen können. 

Die zur Verfügung stehenden Ressourcen (diese können der unterschiedlichsten Natur sein) sind also Dreh- und Angelpunkt bei der Stressthematik.

 

Unsere Ressourcen zu erkennen so wie einzuschätzen, Strategien zur Bewältigung zu entwickeln, das alles will gelernt sein. Entweder hat man es bereits in der Erziehung durch Beobachtung oder gezielte Anweisung mitbekommen, oder man macht sich auf den Weg und kultiviert dieses im aktiven Stressmanagement-Training.  

 

Martina M. Schuster

 


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Kommentare: 3
  • #1

    Dorothea D. (Dienstag, 10 Mai 2016 13:04)

    Das ist sehr interessant, hilfreich und vor allem "Geist-erweiternd" was Sie hier schreiben. Vor allem, weil man immer denkt, man wüsste ja schon alles über Stress, doch es sind die "Kleinigkeiten" - ich meine wohl eher die Details, die man nicht mit berücksichtigt. Genau zu schauen, zu überlegen, bevor man seine Schlüsse zieht, Reflexion ... das alles wird hier sehr schön angeregt. Vielen Dank für die Klarheit und Sichtweise, die einen weitermacht - in der Weltanschauung als auch im inneren Erleben ... wobei man dies ja so nicht ganz trennen kann.

  • #2

    Roesch (Dienstag, 10 Mai 2016 17:47)

    Sehr intreressanter Artikel! Sehr klärend ihre sicht auf die dinge- hilfreich! mfg j.roesch

  • #3

    Tatjana S. (Sonntag, 21 August 2016 19:57)

    Vielen Dank für diesen Artikel. Endlich konnte ich meinem Mann erklären warum er seine Urteile revidieren soll. Und er tat es :))) alles Liebe Ihnen. T.S.