Ganzheitliche Unternehmensführung - Was ist das überhaupt?

von Martina M. Schuster

"Ganzheitlich" ist eines der Worte, welches in den letzten Jahren sehr häufig benutzt wurde, und das in vielen unterschiedlichen Bereichen. Hier geht es um den Unternehmenskontext bezüglich Leadership bzw. Führung. Was ich unter "ganzheitlicher Unternehmensführung" verstehe, und warum es immer wichtiger wird, möchte ich in diesem Artikel skizzieren.

Es gibt keine allgemein gültige Definition für Führung!

 

Was das Wort „Führung“ betrifft, so gibt es hierfür weder eine allgemein gültige Definition noch den perfekten Führungsstil; es gibt aber eine Fülle von Literatur mit möglichen Erklärungen, wissenschaftlicher Abhandlungen sowie unzählige Biografien und Bibliografien über Führungspersönlichkeiten, die in den letzten tausenden von Jahren lebten. All diese Quellen sind bestimmt lehrreich doch wage ich zu behaupten, dass sie weder allumfassend noch 1:1 in den jeweils aktuellen Kontext zu übernehmen sind. Außerdem gilt: will man sich mit all den Literaturquellen auseinander setzen, so reicht ein einziges Menschenleben wohl kaum aus. Dennoch ist es die Tatsache, dass viele Menschen über "Führung" reden und in den Köpfen jedoch ganz unterschiedliche Konzepte vorhanden sind. Oft wird vom Gleichen ausgegangen, was aber illusorisch ist.

 

Ich bin davon überzeugt, dass man sich einen gewissen Pragmatismus, eine präzise Sprache kombiniert mit fundiertem und impliziertem Wissen angewöhnen muss, um zu einer befriedigenden Aussage des jeweils zu betrachtenden Führungskontextes zu kommen.

 

Je komplexer, desto globaler die Betrachtung - Die ganzheitliche Führung

 

Ist ein Thema sehr komplex, und das ist die Führung eines Unternehmens durchaus, scheint es mir sinnvoll, erst einmal die Grundstrukturen durch eine globale Betrachtung zu erfassen.

 

Deshalb verstehe ich primär und minimalistisch ausgedrückt unter

 

Führung, die Integrationsarbeit zwischen den Interessen der Individuen (die Individuen sind hier: Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Umwelt) und denen des Unternehmens (dessen Interesse mindestens Substanzerhalt ist, in der Regel aber Gewinn und / oder Wachstum) um die Leistungserstellung des Unternehmens (das ist die Existenzberechtigung am Markt) zu gewährleisten.  

 

Das ist bereits eine ganzheitliche Betrachtungsweise, welche es für jedes Unternehmen lohnt, im Auge zu behalten. Denn je mehr nun die gegenseitigen Erwartungen geklärt sind und die Erwartungsdiskrepanzen - Reibungsverluste durch Endlosdiskussionen, Machtkämpfe etc. - minimiert werden können, desto schneller kommt der Integrationsprozess ins Rollen. 

 

Konsequenzen aus mikro- und makroökonomischer Sicht:

Die Konsequenzen aus einer ganzheitlichen Führung könnten im Ergebnis nun so aussehen - aus mikro- als auch makroökonomischer Sicht:

  • Die Führungskräfte setzen faire Entlohnung durch, (und nicht nur Mindestlohn, welcher die Altersarmut nicht verhindert), sie pflegen und verlangen wertschätzender Umgang miteinander, und sie sind sich unter anderem auch bewusst, dass psychosoziale Gesundheit die Voraussetzung  ist für ein gutes Betriebsklima, die Einsatzbereitschaft, die Loyalität, die Zusammenarbeit im Unternehmen, die Teamfähigkeit - die auch Fachwissen zum gemeinsamen Vorteil mobilisiert - und für die Attraktivität des Unternehmens.

  • Die Mitarbeiter sind zufrieden:
    - sie entwickeln ihr volles Leistungspotenzial
    - es gibt kaum Fluktuation
    - einen sehr geringen Krankenstand
    - Die Krankenkassen verzeichnen wesentlich geringe Zahlen von psychischen Belastungsstörungen, die auf das Arbeitsumfeld zurückzuführen sind als in den Jahren zuvor. Auch keine Tabletten- und Drogenmissbräuche o. ä. ist sind festzustellen, um das Arbeitspensum überhaupt bewältigen zu können (Siehe Gesundheitsbericht der DAK, 2015).  

  • Die Kunden bleiben treu und es kommen immer mehr hinzu, da diese immer stärker diese ganzheitliche Unternehmensführung mit der ihnen zur Verfügung stehenden Verbrauchermacht positiv quittieren.
  • Die Lieferanten sind verlässliche Partner

  • Das Unternehmen wächst in der gewünschten Hinsicht: gesunde Rendite, Umsatz und Marktanteilen

  •  Die Umwelt ist zufrieden mit den Produkten, die externen Effekte wurden internalisiert.

     

    etc.

Der Mensch ebenbürtig und in den Mittelpunkt der Betrachtung? Märchencharakter oder realistischer Sachzwang?

Der Mensch soll wieder in den Mittelpunkt der betriebswirtschaftlichen Betrachtung, und das bitte schön "ebenbürtig", sprich ohne hierarchische "Herabsetzung". Das hört und liest sich immer noch wie im Märchen. Die Berichte und Fälle aus den Businesscoachings können den Märchencharakter bestätigen, aber gleichzeitig gibt es immer mehr Stimmen und auch aktive UnternehmerInnen, die eine ganzheitliche Unternehmensführung einfordern und leben. Dies muss m. E. auch sein, möchten wir gesellschaftspolitisch, umweltpolitisch und einzelwirtschaftlich in eine gesunde Zukunft gehen. Ich glaube, dass eine solch ganzheitliche Führung sehr rasch ein strategischer Wettbewerbsvorteil sein wird, der positiv von Konsumenten verbucht wird, um somit schnell auf dem nächsten Punkt auf der Zeitachse dann ein gesellschaftlicher Standard zu werden.

 

Ganzheitlichkeit ist nicht mehr lange wegzudenken, denn die Märkte werden immer transparenter, und „Tun und Handeln“ der Führungskräfte ebenfalls. Ich glaube, dass schlechte Führung, die sich auf eine nicht-wertschätzende Art und Weise zeigt, immer öfter publik gemacht wird, und das Unternehmen somit auch die Konsequenzen des Verbrauchers, nicht nur sinkende Produktivität durch Sabotage und inneren Kündigungen,  zu spüren bekommt.

 

Und deshalb ist nochmals zu betonen: Der Mensch gehört in den Mittelpunkt der Betrachtung. Verwunderlich? Nein ganz bestimmt nicht, das ist sogar sehr natürlich. Und egal in welcher Rolle er im Unternehmenskontext erscheint, der Mensch muss als ebenbürtig und gleich angesehen werden. Denn schon im Grundgesetz steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar!

 

Es geht weit darüber hinaus

 

Ganzheitliche Führung geht somit weit über die Theorien von Führungsstilen und psychologische Profile hinaus.  Diese können sicherlich hilfreich und marginal richtungsweisend sein (je nach dem, wo Sie als Führungskraft hinmöchten), doch sie sind immer nur fragmentarisch anzusetzen.  Was will ich damit sagen? Natürlich müssen Sie wissen, was Ihre Aufgabe als Führungskraft ist, sie müssen Ihre Gruppe in Richtung Zielgerade halten und letztendlich sollen die Ziele erreicht werden. Wie Sie das bewältigen, das ist eben die Crux, und abhängig von Ihrem Wissen, Ihrem Wesen, Ihrer Zielvorstellung, Ihren Werten, die Unternehmensphilosophie Ihres Unternehmens  und vieles mehr.

Führung ist keine Frage der Beförderung, sie ist eine Herausforderung in fachlicher, sozialer, psychischer und physischer HInsicht

 

Führung ist keine Frage der Beförderung, sondern eine Frage des Könnens und des Verständnisses. Es hat m. E. auch nichts mit Hierarchie zu tun, so gibt es immer mehr Unternehmen, die auf Hierarchien verzichten, dort ist jeder im Unternehmen am Führungsprozess beteiligt. Viele dieser Unternehmen verfügen über eine hohe Produktivität eines jeden Einzelnen und somit natürlich im Gesamten. Es sind erst wenige, werden aber immer mehr. Entwicklungen von neuen Wegen dauern eben und es braucht kluge, mutige Menschen, die hier einen Bewusstseinswandel vornehmen. 

 

Sie sehen, Führung ist nicht einfach sondern eine Herausforderung, in fachlicher, sozialer, psychischer und physischer Hinsicht.  

 

Mein weitergehendes und noch zu vertiefendes Fazit: Der notwendige ökologische Wandel und damit eine vernünftige gute Lebensqualität hängt definitiv eng mit einem ökonomischen Wandel zusammen, und hier ist eine ganzheitliche Unternehmensführung gefragt.

 Copyright: Martina M. Schuster

 

Fotos: Fotolia, pixabay, Martina M. Schuster