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Wie hilfsbedürftig sind coachende Frauen?

Vor einigen Wochen erhielt ich mit der Post einen dicken Briefumschlag. So richtig ‚old old School’ mit handschriftlicher Adressierung. Darin enthalten war eine Hochglanzbroschüre eines Unternehmens, das sich auf das Unterstützen von Coachinnen, Beraterinnen und andere Dienstleistungs-erbringerinnen beim Verkauf und den Marketingaktivitäten spezialisiert hat. Die Broschüre hatte dicke hochglänzende Seiten mit großen Bildern aber wenig Information. Ich hatte das Gefühl, dass das Wesentliche fehlte.  Auch das Anschreiben fühlte sich irgendwie lückenhaft an. Meine spontanen Gedanken waren ‚Es gibt so gut wie keine Infos im ganzen Prospekt. Was genau will dieses Unternehmen, das sich so edel verkaufen möchte? Denken die, nur weil ich eine Frau bin, bin ich so hilfsbedürftig, dass man mich nur mit Bildern ködern kann, so ganz ohne Informationen, ohne auf die Tiefenstruktur zu achten, oder ohne dass ich darauf achten würde, wer meine potenziellen Geschäftspartner wären? Denn welche Expertise liegt hier vor? Was ist deren Historie? Also ab mit Dir Hochglanzprospekt in die Mülltonne!‘ Gedacht getan, mit dem begleitenden Gedanken ‚diese Verschwendung von Ressourcen hätte auch vermieden werden können!’ 

 

Ja stimmt, verkaufen ist nicht einfach

Rückblickend denke ich an meine erste Verkaufserfahrung, als ich ein Kindergartenkind war. Wir Kinder, wie es viele Kinder jetzt noch tun, hatten Blumen aus unserem Garten oder von der Wiese zu Sträußchen gebunden, einen kleinen Verkaufsstand vor unserem Haus aufgebaut und diese verkauft. Ein ganz gutes Geschäft, freuten wir uns damals. Wunderbar für unsere Motivation und unser Selbstvertrauen. Die Menschen kauften bei uns, weil sie uns mochten, weil sie uns einen Gefallen tun wollten, oder vielleicht auch, weil sie gerade einen kleinen Blumenstrauß benötigten. Zugegeben, letzteres ist eher unwahrscheinlich, aber dennoch ein schöner Gedanke. Aber eine Businessbeziehung anzubahnen ist weit mehr als ein kleinen Verkaufsstand aufzubauen, der hier jetzt stellvertretend für den glänzenden Prospekt steht.

 

Ich hatte diesen Werbebrief längst vergessen, bis ich heute ein Telefonat erhielt, nämlich von einer Frau des Hochglanzbroschürenunternehmens, nennen wir sie Elsa. Sie hat mich gleich geduzt, was als Ansprache seit den letzten 20 Jahren in Deutschland hartnäckig immer wieder mal verwendet wird. Das irritierte mich im ersten Moment ein kleines bißchen, da das ‚Du' ja immer noch nicht so recht in die professionelle Welt zwischen Anbieter und potenziellem Kunden angekommen ist. Doch auf mich wirkte sie ingesamt aufdringlich, so ohne Terminvereinbarung, gleich loslegen, mit "Martina, wir haben Dir vor Kurzem eine wunderschöne Hochglanzbroschüre geschickt, eine ganz ganz schöne Broschüre, so schön gestaltet ..." Während sie so daher schnattere, wie eine Ente, die mit ihren Entenkollegen auf der Wiese daher watschelt, versuchte ich nebenher einen Satz zu Ende zu schreiben, bei dem ich gerade war, bevor sie anrief und dachte mir, ‚wieso fragt sie mich nicht, ob ich gerade Zeit habe? Warum ist sie so wenig an ihrem Gegenüber interessiert? Will sie denn nichts verkaufen?' Doch was ich vor allem dachte war: 

‚Sie stiehlt mir gerade meine Zeit! Ich bin an einer wichtigen Arbeit! Sie ist weder Schülerin noch eine Klientin, noch eine Interessentin für meine Dienstleistung. Deshalb ging ich überhaupt ans Telefon, weil ich eine Interessentin oder eine meiner Schülerinnen vermutete. Für diese habe ich immer Zeit. Sie hätte zumindest fragen können, ob ich kurz Zeit habe.’  Nein Elsa nicht, sie quasselte einfach weiter. Ich spürte, dass ich nicht mehr in meiner kuscheligen Komfortzone war und fühlte mich überrumpelt, atmete tief ein und aus und kam so in eine gute Schwingung, in der ich sie unterbrechen wollte. Das wollte aber nicht so recht gelingen, denn Elsa redete einfach weiter. Ich lehnte mich innerlich zurück und analysiere die Kompetenz dieses Unternehmens, die sich vor mir jetzt live entfaltete. Dabei  stellte ich mir zwangsläufig folgende Fragen: 

 ‚Kann dieses Unternehmen auf seine Kunden eingehen? Kann dieses wirklich erfahren, was eine Unternehmerin braucht oder was sie ausmacht?  Eher nicht. Dieses Unternehmen geht wahrscheinlich davon aus, dass Frauen ziemlich hilfsbedürftig sind, denn sonst würden sie nicht auf dieser niedrigen Schwelle der Kompetenz brillieren wollen und auf einen Top-Down-Kommunikationsstil setzen,’ analysierte ich weiter.

 

Die Teebeutel-Sequenz

Ok. Dann meint sie irgendwann: „Hast Du denn den Teebeutel auch gefunden? Wir haben einen kleinen Teebeutel angehängt? Hast Du den gefunden?“ Meine Chance, das Gespräch zu beenden war mit ihrer Frage gekommen, doch gleichzeitig war ich irritiert und dachte mir, ob dies jetzt ihr Ernst sei? Ich meinte dann, ich könne mich nicht daran erinnern, was auch stimmte. Das wirkte irgendwie so, als ob jemand ein Kind fragen würde, ob es sich noch an das einzelne Gummibärchen erinnern könne, das man ihm letztes Jahr geschenkt habe. Nur dass ich kein Kind bin und ich von dem Teebeutel als Giveaway offensichtlich überhaupt nicht beeindruckt wurde, sonst könnte ich mich an ihn erinnern. Ich dachte mir, dass die Konditionierung dieser werblichen Maßnahme ziemlich schief ging.  Das Teebeutelgespräch zog sich irgendwie. Da ich verbal aktiv aus dem Gespräch ausgestiegen war - eigentlich wurde ich nie mit einbezogen - habe ich den Elsa-Monolog von einer anderen, nennen wir es Meta- Perspektive beobachtet. 

 

Wie wär's mit zuhören?

Nach dem ich ihr mehrmals zu Erkennen gegeben habe, dass ich keinen Bezug und kein Interesse zu und an dem Angebot habe, stellte sie mir eine rhetorische Frage, die super spannend war. Um diese Energetik nachvollziehen zu können, stelle man sich folgendes vor: Eine Erzieherin steht vor einem kleinen Kind und möchte, dass es sich anmeldet, wenn es zur Spieleecke gehen will. Sie stellt sich also vor das Kind und sagt mit süßlicher aber bestimmten Stimme: „Du möchtest doch spielen, oder?“ Die Reaktion des Kindes ist jetzt nicht so relevant, man könnte sich dieses Kind aber nun still nickend vorstellen, wie es bereitwillig die allwissende Erzieherin fragt.  Letztere hat also ihr Ziel erreicht. Ok. Elsa meinte in etwa in diesem Tonfall, nachdem ich ihr sagte, dass ich nicht interessiert bin, folgendes: „Du möchtest doch deine Ausbildungen verkaufen, oder? Oder? Oder machst Du das nur zum Hobby? …“ Ich hörte ihrem Gerede nur noch mit einem Ohr zu während es in meinem Gehirn ratterte, wie ich ihr höflich aber bestimmt mitteilen könne, dass, wenn wir miteinander reden, dann bitte nicht auf dem Kindergartenniveau. Ich bin kein Kind mehr und sie schließlich auch nicht. Nun, das ist mir dann auch gelungen. Sie kam runter von diesem seltsamen Monolog mit Erzieherinnenstimme, und ich hörte eine Frauenstimme, die von einer süßlich-hohen in eine tiefere Stimmlage rutschte. So wohltuend! Dann bat ich sie, sie solle mir einfach ihren Link zur Homepage schicken, ich würde mir das anschauen, und wenn ich denke, ihr Unternehmen würde zu meinem Unternehmen passen, würde ich mich bei ihr melden, um einen unverbindlichen Termin zu vereinbaren. Eine wichtige Dienstleistung sollte ja nicht so zwischen Tür und Angel angepriesen werden, so meine Worte.

 

Ich hatte fast schon freudige Erleichterung gespürt, als die Frau sagte, ja so machen wir das. Leider zu früh gefreut, denn sie meinte: „Ich rufe Sie dann nächst Woche noch einmal an.“ Ich wiederholte geduldig nochmals, dass ich sie anrufen würde, wenn ich das Gefühl hätte, mit ihrer Firma zusammenarbeiten zu wollen. "Ja, ok", meinte sie. Und gleich im Nachgang: "Kannst Du dann in Deiner E-mail schreiben, dass Du kein Telefonat haben möchtest?" Ok, dachte ich. Ich muss mein Kommunikationsmuster ändern, ich komme nicht durch, oder dieses Unternehmen hat Telefonistinnen, die in die Organisationsprozesse nicht eingreifen oder kein Feedback mit entsprechenden Nachgangaktionen auslösen können. Ein No-Go, denn zu erfahren, wie der Markt, sprich potenzielle Kunden reagieren, ist überlebenswichtig für jedes Unternehmen. Meine Reaktion: ’Nein, ich schreibe keine E-mail, sondern schreibe Dir doch jetzt bitte in Deine Telefonnotiz: Nicht anrufen. NICHT anrufen. Danke.'  

 

Ja, das war das Gespräch mit einem Unternehmen, das Frauen, vor allem coachenden Frauen, etwas über Vermarktung beibringen will. Zum Schluss eine rhetorische Frage: Ob das Gespräch wohl auch so mit einem Mann verlaufen wäre?

 

Martina M. Schuster

Bildquelle: Canva Pro

Achtung: Jedwede Ähnlichkeiten mit realistisch agierenden Unternehmen sind rein zufällig.


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Kommentare: 2
  • #1

    Marianne (Dienstag, 29 März 2022 19:50)

    Liebe Martina,
    So cool � danke danke danke!!! Ich kenne das auch und mit jeden Gespräch wurde ich unsicherer. Das gibt mit jetzt Mut, weil ich nicht das Gefühl habe, mit meiner Skepsis alleine zu sein!
    Liebe Grüße,
    Marianne
    PS wann gibt es wieder Präsenzworkshops?

  • #2

    Martin (Dienstag, 29 März 2022 19:55)

    Danke für diesen Blog...auch als Mann erhält man sehr oft solche Marketing Anfrage......

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