
Fernwirkung, ein Konzertexperiment und das, was Nähe hinzufügt
Von Martina M. Schuster
2026 stellte ein Forschungsteam eine einfache Frage: Macht es einen Unterschied, ob Musizierende wirklich im Raum sind — oder ob wir derselben Musik über einen Bildschirm lauschen? Dieselbe Musik, einmal leibhaftig im Saal, einmal als Übertragung. Das Ergebnis, veröffentlicht in Scientific Reports, war deutlich: Die körperliche Anwesenheit der Musizierenden löste in den Zuhörenden stärkere emotionale und körperliche Reaktionen aus als der Stream.
Resonanz und Nähe
Man könnte daraus schließen, Resonanz brauche Nähe. Doch so einfach ist es nicht — und ich möchte es auch nicht so einfach machen. Es gibt zu viele Erfahrungen, die etwas anderes nahelegen. Sound Healing etwa wirkt nach vielen Berichten auch über die Ferne; Menschen spüren eine Verbindung zu jemandem, an den sie denken, obwohl er weit entfernt ist. Solche Erfahrungen lassen sich nicht einfach beiseite schieben.
Auch die Physik lädt zur Vorsicht ein. Experimente zum Bell'schen Theorem haben gezeigt, dass zwei einmal verbundene Teilchen aufeinander bezogen bleiben, gleichgültig, wie weit man sie voneinander entfernt — die Physik nennt das Nichtlokalität. Ob sich daraus auf die Verbindung zwischen Menschen schließen lässt, ist nicht erwiesen; aber es genügt, um beim Wort „unmöglich" zurückhaltend zu sein. Verbindung ist offenbar nicht in jedem Fall an räumliche Nähe gebunden.
Und doch fällt etwas auf — und genau hier treffen sich die Studie und meine eigene Erfahrung. So sehr Resonanz über Distanz entstehen mag: Im gemeinsamen Raum scheint sie sich zu vertiefen. Die Wirkung wird voller, unmittelbarer, verlässlicher. Es ist, als kämen mehr Wege zugleich zusammen — die Schwingung trägt durch die Luft, wir sehen einander, wir teilen denselben Augenblick, dieselbe Stille. Nichts davon schließt die Ferne aus. Aber es legt etwas hinzu.
Vielleicht ist das die ehrlichste Art, es zu sagen: Resonanz ist nicht an Entfernung gebunden, doch Nähe verstärkt sie. Das eine widerspricht dem anderen nicht.
Resonanz erlebt man am besten, wenn man sie teilt
Für die Arbeit mit Klang und Stimme heißt das: Vieles ist auch über Distanz möglich, und ich schließe es nicht aus. Doch das Tiefste erlebe ich immer wieder dort, wo Menschen sich denselben Raum, dieselbe Luft, denselben Augenblick teilen. Deshalb halte ich an der tatsächlichen Begegnung vor Ort fest — nicht, weil über Distanz nichts ginge, sondern weil der gemeinsame Raum etwas hinzufügt, das sich schwer in Worte fassen und noch schwerer übertragen lässt.
Manches lässt sich erklären. Resonanz erlebt man am besten, wenn man sie teilt.
© Martina M. Schuster

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